Hafenbahn Frankfurt (Oder) 29.10.2014
Dock railway | Kolej dokującej

Bereits 1880 meldeten Fabrikanten aus der Lebuser Vorstadt Bedarf für eine Eisenbahnanbindung ihres Industriegebietes rund um den Hafen an der Oder an das überregionale Eisenbahnnetz an. Zunächst war eine 3,4 km lange Verbindungsbahn vom Frankfurter Bahnhof in die Lebuser Vorstadt angedacht. Schon kurz darauf wurden die Pläne geändert: zum Frankfurter Bahnhof sollte eine Pferdebahn nur dem Personenverkehr dienen, der Güterverkehr sollte stattdessen auf einer nur 2 km langen Strecke zur Grube Vaterland, östlich des Dorfes Kliestow, führen. Seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde hier Braunkohle gefördert. An der Güterverladestation Grube Vaterland der 1857 eröffneten und 1945 stillgelegten, alten Preußischen Ostbahn nach Königsberg bestand damit eine Verbindung von der Hafenbahn zur Staatsbahn.

Am 1. November 1881 wurde die normalspurige (1.435 mm) Lokalgüterbahn zwischen Grube Vaterland und der alten Kirche St. Georg (1926 abgerissen) an der Berliner Straße eröffnet. Bis dahin wurden Rohstoffe und Güter mit schweren Fuhrwerken durch die Stadt befördert. Bereits am 1. Mai 1882 wurde die Strecke von der Georgenkirche zum Oderkai verlängert. Die Pferdebahn für den Personenverkehr vom Frankfurter Bahnhof zur Cüstriner Straße (seit 1959 Herbert-Jensch-Straße) wurde dagegen erst im Herbst 1886 realisiert.

Am 23. Januar 1898 erreichte schließlich die an diesem Tag eingeweihte elektrische Straßenbahn die Lebuser Vorstadt mit ihrem Endpunkt an der Georgenkirche (Ecke Berliner Straße/Bergstraße). Nachdem mit der Hafenbahn vereinbart wurde, dass die Güterzüge stets Vorfahrt vor der Straßenbahn haben würden, konnte die Straßenbahn am 21. Dezember 1899 bis zum Schlachthof verlängert werden. Die eingleisige Hafenbahn kreuzte fortan die eingleisige Straßenbahn an der Kreuzung Chausseestraße/Cüstriner Straße (heute Goepelstraße/Herbert-Jensch-Straße). Im Jahr 1900 wurde aus der seit den 1880er bestehenden Güterverladestation Grube Vaterland der gleichnamige Haltepunkt für den Personenverkehr.

Am 1. Juni 1924 wurde die Frankfurter Gütereisenbahn-Gesellschaft in Städtische Güterbahn Frankfurt an der Oder (SGFO) umbenannt und ging gleichzeitig ins Eigentum der Stadt über. 1925 endete der Braunkohletagebau in Kliestow mit der Schließung der Grube Vaterland. Am 25. April 1934 erhielt die Hafenbahn eine neue, 2,3 km lange Anbindung an das deutsche Eisenbahnnetz. Zwischen 1910 und 1917 war im Frankfurter Klingetal am Haltepunkt Gronenfelde (seit 1954 Klingetal, später Frankfurt [Oder]-Klingetal) ein neuer Verschiebebahnhof mit 25 Gleisen errichtet worden. Durch eine Neubaustrecke vom Krankenhaus (heute Stadthaus) an der Goepelstraße zum Verschiebebahnhof an der 1877 eröffneten Bahnstrecke Frankfurt (Oder) – Seelow war die Hafenbahn nun auch an die Industriegebiete an der Georg-Richter-Straße und der Grenadierstraße (seit 1946 Goethestraße), sowie an den Verschiebebahnhof angebunden. Da der neue Güterbahnhof von der Eisenbahnstrecke Frankfurt – Küstrin aus nicht erreichbar war, wurde südlich von Wüste Kunersdorf eine ehemals zweigleisige Anbindung Küstrins an die Strecke Frankfurt – Wriezen und damit an den Verschiebebahnhof realisiert. Die alte, eingleisige Strecke über Grube Vaterland diente fortan nur noch dem Personenverkehr. Am 15. November 1934 wurde der Bahnhof Grube Vaterland in Kliestow (Kreis Lebus) umbenannt. 1945 wurde der Verkehr schließlich für immer eingestellt und die Gleise gingen als Reparationsleistung nach Russland.

Nach dem Krieg nahm die Hafenbahn ihren Betrieb am 1. Oktober 1945 wieder auf, seit 1950 als Industrie- und Hafenbahn Frankfurt (Oder). Am 29. September 1963 wurde der 1917 fertiggestellte Verschiebebahnhof in Rangierbahnhof (Frankfurt [Oder] Rbf) umbenannt. In den 1980er Jahren dienten der Hafenbahn Dieselloks der Baureihe V60 als Zugmaschinen. Erst 1993, 94 Jahre nach Eröffnung der Straßenbahnstrecke, kreuzte die Straßenbahn die Hafenbahn zweigleisig, bis dahin blieb es beim eingleisigen Abschnitt der Tram. Seit 1995 regelt eine Ampel den Verkehr an dieser Stelle. Am 1. Juni 1996 endete der Personenverkehr zwischen Frankfurt und Küstrin (heute Kostrzyn/Polen).

Im Dezember 1999 endete schließlich nach 118 Jahren auch der Verkehr auf der Hafenbahn Frankfurt (Oder). Bereits 2003 wäre die alte Hafenbahn nicht mehr durchgängig befahrbar gewesen. Hier und dort wurden Gleise ausgebaut und auf ihrer Trasse Fahrradwege errichtet. Vom einst umfangreichen Netz, das rund 30 Betriebe anband, sind heute nur noch wenige, zugewucherte Gleisreste erhalten.